Schwester Katharina, und noch viel mehr

Katharina, die jüngere Schwester von Christian, wie soll man sie beschreiben: Sie ist eine kleine zarte, aber löwenstarke, eine mit manchmal rauer Schale, aber weichem Kern, verletzlich und sensibel, ein Mensch mit einem hohen Verantwortungsbewusstsein und vor allem ein Mensch mit viel Herz. Für mich ist sie immer schon ein Fels in der Brandung gewesen, für Christian die Herzensmutter. Wie kommt das?

Verantwortungsbewusstsein hat Katharina schon in einem Alter gezeigt, in dem manch anderes Kind noch Windeln trägt. 

Wir Eltern waren sehr darauf bedacht, mit unseren Kindern die Nachmittage in der freien Natur zu verbringen. Jeden Tag gingen wir mit unseren Dreien im Wald spazieren oder unternahmen Ausflüge. Immer wenn wir heimgekehrt sind, hat sich Christian auf einen bestimmten Platz vor der Küche hingekniet, um sich zu erholen und „auf seinen Anfall zu warten“. Es war immer die gleiche Situation. Es waren keine großen Anfälle, aber man spürte, dass Christian sich entladen musste und danach ging es ihm wieder besser. Er war damals noch in einem Alter, da hat er das alles viel besser wegstecken können. Wenn wir zuhause waren, war ich darauf bedacht, die Familie zu versorgen. Währenddessen ging Katharina in der ganzen Wohnung umher und suchte nach Pölstern, um sie rund um Christian aufzubreiten, damit er weich fällt und sich nicht den Kopf auf dem Boden anschlägt. Sie war damals drei Jahre alt und „die ganze Polsterburg“ war größer als sie selbst. Sie hat schon von klein auf ein feines Gespür für Christians Bedürfnisse entwickelt und im Laufe der Jahre eine innige Beziehung zu ihrem Bruder entwickelt, die mit Worten schwer auszudrücken ist. Katharina musste sehr früh erwachsen werden.

Die Jahre vergehen und nach meiner Ausbildung im zweiten Bildungsweg habe ich wieder begonnen arbeiten zu gehen. Ich unterrichtete an einem Erwachseneninstitut Deutsch als Zweitsprache. Eine Aufgabe, die mir großen Spaß gemacht hat und die es mir auch ermöglicht hat, finanziell immer mehr und mehr Unabhängigkeit zu gewinnen und meinen Kindern auch Wünsche zu erfüllen, die ich ihnen ohne diesen Zuverdienst nicht ermöglichen hätte können. Beruf und Familie  ließen sich ganz gut vereinbaren, denn die Arbeitszeit war am Abend und der Vater konnte derweilen auf die Kinder schauen. Wenn mein Ex-Mann auch froh war, dass ich Geld dazuverdiente, so war ihm meine zunehmende Emanzipation nicht wirklich recht, verlor er doch zusehends die Kontrolle über mich – aber das ist eine andere Geschichte.

Meine Schwiegermutter erkrankte im hohen Alter und mein Exmann, der mit ihr eine überaus große Mutter-Sohn-Beziehung verband, entschloss sich, die Pflege zu übernehmen. Sie wohnte 80 km weit entfernt und mir schien dieser bedingungslose Einsatz nicht wirklich notwendig, denn sie wurde von einer 24-Stunden-Betreuung und zudem von ihrer Tochter gut gepflegt. Aber mein Ex-Mann beschloss, nach seinem Arbeitstag die Abende bei ihr zu verbringen und an den Wochenenden sahen wir ihn auch nur noch selten. Nun stand ich mit Christian und Katharina alleine da. Stefan, mein zweiter Sohn, war zu der Zeit im Internat, da er eine Ausbildung machte. Ich wollte mich nicht zurückdrängen lassen zu Heim und Herd. Und so übernahm die kleine Katharina die Betreuung von Christian während ich am Abend der Arbeit nachging. Es ist für mich heute unvorstellbar, ja geradezu verantwortungslos, einem kleinen Schulmädchen diese Verantwortung aufzubürden.

Katharina war ein kleines Schulmädchen, zart und viel kleiner als Christian und hat alles gemacht. Sie hat auf  ihn gewartet, bis er mit dem Bus von der Werkstätte kommt (zu dieser Zeit war er noch den ganzen Tag in einer Werkstätte, in der er sich so gar nicht wohl gefühlt hat). Sie hat für ihn gekocht, ihn zum Essen gegeben, ihn geduscht, mit ihm gespielt. Sie war für ihn da wie eine Mutter. Da hat es keine Tabus gegeben. Nichts war ihr zu viel, nichts zu unangenehm. Sie hat sich nie beklagt.

Diese Erinnerungen werden mir nie wieder aus dem Kopf gehen: Wenn ich um 22.00 Uhr mit dem Auto in den Parkplatz eingebogen bin, haben die beiden aus dem geöffneten Fenster gesehen und man hat ihnen angesehen, wie hart sie gewartet haben, bis ich nach Hause komme. Ich bin in die Wohnung und Katharina hat mir berichtet, wie der Abend gelaufen ist, ob es Christian gut gegangen ist. Christian ist mir entgegengelaufen und hat mir mit seinen Augen gesagt: „Mama, fein, dass du wieder da bist.“ Dann haben wir uns mit Christian noch ins Wohnzimmer gesessen und haben mit ihm gescherzt und einfach noch miteinander gesprochen und da hat sich der Ausspruch von mir entwickelt: „Mei Katharina, ich bin die leibliche Mutter, du aber die Herzensmutter.“ Ob ich damals schlechtes Gewissen hatte, einem Kind eine solche große Aufgabe zu übertragen, weiß ich heute nicht mehr. Sicherlich werde ich es gehabt haben. Aber gerade Katharina hat mich bestärkt, an meiner Arbeit festzuhalten und nicht aufzugeben – man stelle sich vor – ein kleines Mädchen von etwa 11 Jahren. 

Sie war es auch, die mich immer begleitete, wenn ich mit Christian spazieren ging. Es war für sie so selbstverständlich. An eine Phase erinnere ich mich so gerne zurück. Wir gingen – so oft es die Zeit zuließ – in einem nahegelegenen Freizeitpark immer Minigolf spielen, natürlich mit Christian. Zu dieser Zeit schaukelte Christian noch für sein Leben gern. Es waren so stimmungsvolle Nachmittage. Christian schaukelte fröhlich, dass es ihm beinahe überschlug und wir trugen Turniere aus. Aber es wäre nicht Katharina, wenn sie nicht ein Auge auf den Minigolf-Ball geworfen hätte und das andere auf Christian. Sie nahm ihn immer an der Hand und dieses Bild war herzerweichend. Christian, der Korpulente, an der Hand seiner kleinen Schwester, die ihn zielsicher führte.

Von so vielen Ausflügen und Urlauben könnte ich berichten. Ob zum Wellnessen, in die Italien-Urlaube – Katharina hat uns zumeist begleitet. Und das war beileibe nicht immer einfach. Christian wurde erwachsen und entwickelte seine eigene Persönlichkeit und setzte seine Bedürfnisse auch schlagfertig durch. Ich brauchte diese Unterstützung, habe sie aber nie zwangsweise einfordern müssen. Katharina hat nie meine Bitten um Begleitung abgeschlagen und größtenteils ohnehin von sich aus angeboten, mich zu unterstützen. Wenn es auch oft zu schwierigen Situationen gekommen ist, haben wir auf die Urlaube und Tage mit Christian mit lachendem Auge zurückgeblickt und oft habe ich mir gedacht, das nächste Mal wird sie sicherlich nicht mehr mitfahren. Jetzt wird es ihr sicherlich auch einmal zu viel werden. Aber auf der Heimreise hat sie schon von den Plänen für das nächste Jahr gesprochen.

Meine liebe Tochter, wie gegenwärtig sind mir unsere vielen Erlebnisse, wie gerne denke ich daran zurück, wie gerne würde ich so vieles zurückholen.

Die Ehe war nicht mehr zu kitten. Katharina, Christian und ich zogen im gleichen Ort in eine neue kleine Wohnung. Sie war eigentlich viel zu klein für uns, aber für uns war sie ein kleines Paradies. Ich lebte nach der Scheidung noch nahezu zwei Jahre in der Wohnung meines Ex-Mannes. Es war so schwierig, etwas Passendes zu finden. Meine größten Bedenken waren, ob sich Christian in dem neuen Zuhause wohl fühlen würde. An dem fiel und stand mein neuer Lebensstart. Mehr durch Zufall als durch Planung hatte ich dann die Wohnung gefunden und es war mir ein großes Anliegen, ein wohliges neues Zuhause zu schaffen. Welch‘ große Angst hatte ich, wie Christian wohl reagieren würde, wenn er aus der gewohnten Umgebung in ein neues Umfeld kommt.

Wochen vor dem geplanten Umzug leerte Christian jeden Abend seinen Kleiderschrank und sammelte all sein Gewand auf einen Haufen, so als hätte er mir sagen wollen: „Mama, ich bin bereit.“

In meiner Sorge um Christian wollte ich den Umzug immer wieder hinauszögern. Aber wiederum war es Katharina, die das Zepter in die Hand nahm und den Termin festlegte. Ich näherte Christian behutsam seinem neuen Zuhause. Jeden Nachmittag ging ich mit ihm in die neue Wohnung und zeigte ihm sein neues Zimmer, das noch leer war und führte ihn auf den Balkon und sprach ihm gut zu, dass er nun bald hier schlafen würde, und dass das sein neuer Balkon ist und er sich nicht zu fürchten brauchte. Zuerst hatte er furchtbare Angst und wollte sofort wieder aus der Tür raus, aber dann wurde ihm die Situation immer vertrauter und er lächelte, als ich ihn wiederum an die Hand nahm und durch die neue Wohnung führte. Wie selbstverständlich lief er auf den Balkon und hielt sich am Geländer fest. Nun war das Eis gebrochen und ich ahnte, es wird gut werden.

Den Tag, an dem nun der Auszug feststand, vergesse ich nie. Wir führten Christian in sein Zimmer. Die Wohnung war zum größten Teil noch unmöbliert. Wir hatten nur das Notwendigste. Ich konnte noch nicht mal kochen, da die Anschlüsse noch nicht montiert waren. Wir gingen am Abend mit Christian in ein Restaurant zum Essen. Als er müde war, sagte Katharina: „Ich gehe mit Christian gleich vor, bezahl du nur.“ Was für ein Unbehagen ich hatte. Katharina mit Christian alleine. Was ist, wenn Christian  mit der neuen Situation nicht klar kommt und in Panik ausbricht. Das würde Katharina nicht bewältigen. Ich ging schnellen Schrittes mit einem flauen Magen in unsere neue Wohnung. Alles war mir noch so fremd und ungewohnt. Als ich aufschloss, sah ich Katharina mit Christian im Bett. Er saß ganz ruhig und entspannt in seinem Bett und Katharina las ihm etwas aus seinem Bilderbuch vor. Als Christian einmal für ein paar Stunden bei seinem Vater auf Besuch war und Katharina ihn abholen wollte, sagte Christian: „Katharina, mag heim.“ Wir wohnten erst kurze Zeit in unserem neuen Daheim und Christian benannte es schon als solches.

Wir hatten es geschafft! Ohne meine Katharina als Rückhalt – nie und nimmer, ich war viel zu schwach und inkonsequent.

Katharina, Christian und ich, wir waren ein Team. Ich konnte mich immer bedingungslos auf meine Tochter verlassen. Selbst wenn es zwischen uns mal zu ganz normalen Mutter-Tochter-Auseinandersetzungen gekommen ist, Katharina stand für Christian zur Stelle. Natürlich hat es in dieser Zeit für mich Höhen und Tiefen gegeben, ich war erfüllt von Sorge, ob ich wohl alles schaffen würde, dennoch waren die folgenden acht Jahre die schönsten meines Lebens. Meine Tochter hat inzwischen eine Ausbildung im Sozialbereich abgeschlossen. Fast schon zwangsläufig hat es sich ergeben, dass sie sich beruflich um Menschen mit Behinderung kümmert.   

Ich kann mich nicht an ein einziges Mal erinnern, dass Katharina, wenn sie nach Hause gekommen ist, nicht nach ihrem Bruder geschaut hätte. Ihr erster Weg war in Christians Zimmer. Immer hatte sie ein gutes Wort für ihn, ein Streicheln über den Kopf. Wie tolerant war sie gegenüber seinen Tappen. Im Laufe der Jahre nahm er auch noch ihr Zimmer in Beschlag. Er mochte es so gerne, von einem Zimmer zum anderen zu wandern. Dabei leerte er schon mal ihre Parfumflaschen aus, machte sich an ihre persönlichsten Dinge, leerte Wasser in ihr Bett oder was ihm grad sonst noch einfiel. Über all seine kleinen „Schandtaten“ sah sie gutmütig hinweg. Mit Argusaugen hat sie auf mich geschaut, ob ich mich wohl ausreichend um Christian kümmere, was ich natürlich gemacht habe. Die letzten beiden Jahre habe ich mich aber sehr meinem Dissertationsprojekt gewidmet und Christian musste dafür zurückstecken. Das hat Katharina nicht gerne gesehen, und wenn ich es übertrieben habe mit dem Schreiben, hat sie mich schon zurechtgewiesen und darauf aufmerksam gemacht, einmal innezuhalten.

Katharina plante ihren Umzug in ihre erste neue kleine Wohnung und bezog bei der Planung ganz selbstverständlich Christian mit ein. Das Wichtigste: eine Extrasicherung auf dem Balkongeländer. Wir haben Christian schon gesehen auf seinem neuen Terrain. Dazu sollte es nicht mehr kommen.

Meine geliebte Tochter, ich danke dir so sehr für all die Jahre, für all das, was du für mich und Christian getan hast. Du bist für mich so ein Herzensmensch und so ein großes Vorbild.

Meine liebe Katharina,

du hast zu Christians erstem Engelsgeburtstag seine Lebensgeschichte nachgezeichnet mit vielen Fotos und wunderbarer Musik und uns so viel Freude damit bereitet.  Nun habe ich für dich besonderen Menschen ein Geschenk. Es ist die Lebensgeschichte von Christian in einem Film festgehalten.

Zurück bleibt die tieftraurige Schwester, nein Herzensmutter, die den Halt verloren hat und die ich als Mutter nur mäßig trösten kann, weil mich der Schmerz selbst im Bann hält. Wie schrecklich war für mich der Anblick, wenn Katharina, inzwischen in ihre neue Wohnung eingezogen, bei der Tür hereinkam und von ihrer Sehnsucht nach dem Bruder klagte. Ich konnte sie nur in den Arm nehmen und so gut wie möglich meinen eigenen Kummer zurückhalten. Auch meine Tochter musste leidvoll erfahren, dass Mitmenschen mit so einer Situation nicht zurechtkommen und sich abwenden, gerade in einer Zeit, in der man Unterstützung und Mitgefühl von Mitmenschen am nötigsten hat. Ich war neben meinem Leid in voller Sorge um meine Tochter, der ich nicht helfen konnte.

Gibt es etwas da Drüben in der Welt, die wir nicht kennen? Ist es eine Botschaft vom Bruder, der dort nicht sehen will, dass seine kleine Schwester, seine Herzensmutter, so leidet. Vielleicht. Ich mag es glauben. Denn Katharina lernt Christoph kennen

Einen jungen, zurückhaltenden, unaufdringlichen Mann, der mir vom ersten Augenblick an sympathisch war. Er war es und ist es immer noch, der Katharina den Rückhalt gibt, den sie braucht. Es war bestimmt nicht einfach für ihn, war Katharina doch stets in Gedanken bei ihrem Bruder und bei unseren ersten Treffen war Christian auch das einzige Gesprächsthema und er hat immer geduldig zugehört. Man kann sich vorstellen, dass der Beginn einer neuen Beziehung weniger belastend schöner ist. Katharina hat viel geweint und war sensibel. Die ersten Familienzusammentreffen waren der erste Engelsgeburtstag von Christian, das erste Weihnachten ohne Christian, der erste Todestag. Allesamt sehr traurige Ereignisse. Ich sage zu Christoph immer: „Christoph, dich hat ein Engel geschickt“, worüber er immer lachen muss. Wie ernst es mir mit dieser Aussage ist, kann er nicht ahnen. Wie sehr er Katharina über diese schwere Zeit weggeholfen hat, vielleicht noch weniger.

Inzwischen sind die beiden ein Paar. Katharina kann mittlerweile auch wieder lachen, Pläne für die Zukunft schmieden und hin und wieder gibt es auch einmal ein anderes Gesprächsthema und dennoch: Er hat uns als Familie in einer Extremsituation kennengelernt. Ich bin nicht mehr die, die ich einmal war. Jegliche Art von Unbeschwertheit ist weg, ein Schatten von Schwermut hat sich über mich gelegt und mit all dem kommt Christoph ganz gut zurecht. Wie sehr freue ich mich immer, wenn er mich bei der Begrüßung und beim Abschied in den Arm nimmt als würde er mich schon Jahre kennen.

Christoph, ich danke dir für deine Geduld und die Einfühlsamkeit für meine Katharina. Ich vertraue dir meine Tochter an, bitte pass gut auf sie auf. Du hast an ihr einen Juwel.