Bruder Stefan

Ja, der Bruder Stefan, von Christian lange Zeit Stepan genannt, hat es wahrlich nicht leicht gehabt. Er war ein Wunschkind par excellence. Ich wollte nach drei Jahren unbedingt noch ein Geschwisterchen für Christian und habe alles daran gesetzt, es zu bekommen. Mit der gleichen Liebe wie bei Christian habe ich ihn erwartet und die ganze Familie hat sich wiederum über den Familienzuwachs gefreut. Aber das Leben in einer Familie mit einem Bruder mit Behinderung ist nicht einfach. Auch wenn Christian sofort nach der Geburt von Stefan in eine Ganztagesbetreuung gekommen ist, bedeutete es doch viel Hektik. Ich war überängstlich, dass Stefan etwas zustoßen könnte und habe bei jeder Kleinigkeit einen Arzt aufgesucht. Wir Eltern waren bemüht, beiden Kindern gerecht zu werden. Der kleine Stefan sollte durch die Behinderung seines älteren Bruder nicht allzu viel zurückstecken müssen. Dennoch ist es etwas anderes, das kann man nicht schön reden. Ich denke mir aber doch, dass wir es als Familie gut gemacht haben. Stefan wurde mit den Jahren das „Giltsknöpfl“ der Familie meines Ex-Mannes und meine Mutter hat sich mit einer überaus großen Hingabe Christian gewidmet. So hatten die Kinder neben ihren Eltern auch noch liebevolle Großmütter. Die Jahre ziehen ins Land und die beiden Buben werden größer und entwickeln auch typische Männervorlieben. So hat sich Stefan für schnelle Autos und Motorräder interessiert. Und diese Erinnerungen sind es, die mir oft in den Sinn kommen. Der Vater hat mit den beiden oft Männer-Ausflüge unternommen. Wir hatten einen Bus und die Drei sind gestartet. Christian vorne zwischen seinem Bruder und seinem Vater. Man hat ihm richtig angesehen, wie ihm das gefallen hat – sozusagen nur die Männer und um wohl sicher zu gehen, dass es so ist, hat er mir zugewinkt und mehr als einmal „Pfiati, Mama!“, zugerufen. Ich habe ihnen nachgewinkt, bis ich die drei Köpfe nicht mehr gesehen habe. Einerseits war ich froh, bedeutete es für mich doch einige Zeit Entlastung, andererseits habe ich mir aber doch wieder Sorgen gemacht, ob alles gut geht. Das brauchte ich aber nicht. Sie haben es wirklich gut gemacht. Der Vater hat immer berichtet, wie fürsorglich Stefan auf seinen Bruder schaut.

Und auf einmal war er weg …

Christian konnte man nicht aus den Augen lassen, zum einen aufgrund seiner schweren Epilepsie, zum anderen weil er alleine nicht zurechtgekommen wäre. Ich wollte aber Christian auch ein Stück Freiheit zugestehen. Er hat es sehr gut mitbekommen, dass seine Geschwister (nach weiteren drei Jahren hat sich der dritte Familienzuwachs – unsere Katharina – eingestellt) alleine aus dem Haus konnten und immer unabhängiger wurden. So habe ich eines Tages beschlossen, ihm ein kleines Stück Freiheit zuzugestehen. Wir hatten einen kleinen Garten, zu dem man aber keinen direkten Zugang hatte, sondern ums Haus gehen musste. Wir hatten unsere Wohnung im ersten Stock. Eines Tages wollte Christian zu seinem Vater in den Garten gehen. Normalerweise hat ihn immer jemand begleitet. An einem Tag habe ich die Tür aufgemacht und zu Christian gesagt: „Geh, Christian, du kannst das alleine.“ Dieser Augenblick wird mir nie mehr aus dem Sinn gehen. Er war so überrascht. „Darf ich wirklich?“, hat sein Blick freudig gefragt und er ist Hals über Kopf die Treppen hinuntergerannt. Ich hatte riesengroße Angst, wusste ich doch, wenn er nicht in den Garten geht, sondern wegrennt, findet er alleine nicht mehr nach Hause und sprechen konnte er ja nicht, um selber Hilfe einzufordern. Soweit ich konnte, habe ich aus den Fenstern gesehen, um seinen Weg zu verfolgen, aber eine gewisse Strecke konnte ich das nicht. Und so habe ich mit einem Brennen im Magen darauf gewartet, bis ich ihn im Garten gesehen habe. Ich weiß nicht, wer stolzer war: ich oder er. Lange Zeit ist das gut gegangen und ich wurde immer sicherer. Das hat Christian geschafft – ein kleines Stück Normalität für ihn. Es war an einem Samstag. Ich ließ Christian wieder alleine in den Garten gehen und dort ist er auch angekommen. Ich weiß noch, ich war müde, weil ich am Abend davor gearbeitet hatte und ich überhaupt eine strenge Woche hinter mir hatte. So bin ich ganz kurz im Wintergarten, von dem aus ich den Blick auf den Garten hatte, eingenickt. Als ich aufwachte, war Christian weg. Den Schreck, den ich hatte, kann man sich vorstellen. Ich habe die Familie zusammengerufen, Polizei alarmiert und die Nachbarn um Hilfe gebeten, meinen Sohn zu suchen. Ich habe Stefan noch nie so aufgewühlt gesehen. Man hat ihm angesehen, wie er sich um seinen Bruder sorgt und wie verzweifelt er war. Wir haben ja alle gewusst, was es bedeutet, wenn wir Christian nicht mehr finden. Wir hatten keine Ahnung, in welche Richtung er gelaufen war. Schlussendlich war es Stefan, der mit der Polizei Christian auf einer Anhöhe im Wald entdeckt und ihn nach Hause zurückgebracht hat. Stefan war so erleichtert und glücklich, dass er seinen Bruder wieder gefunden hatte. Ich kann mich nicht mehr an den Satz erinnern, den Stefan gesagt hat, aber in jedem Fall war es etwas, das zum Ausdruck brachte, wie wichtig Christian für ihn war und wie gern er ihn hatte. Wenn sich Nachbarskinder abfällig über Christian geäußert haben, ist es ihnen an den Kragen gegangen. Er hat seinen Bruder verteidigt und das, wenn es sein musste, auch mit Fäusten.

Auf Stefan ist Verlass

Stefan war mitten in der Ausbildung zum Tourismusfachmann und hatte an einem Jahr einen ganz guten Stundenplan. Er musste am Montag nicht zur Schule, sondern konnte sich an diesem Tag auf seinen Abschluss vorbereiten. Das bedeutete für mich wiederum Flexibilität für meine beruflichen Verpflichtungen. Ich habe Stefan aufgetragen, dass er zuhause bleiben muss, wenn Christian um 16.00 Uhr von der Werkstätte nach Hause kommt. Ich wusste, da war 100%ig Verlass. Er hat auf ihn geachtet, bis ich nach Hause gekommen bin. Auch war Stefan nie zimperlich, wenn er vom Bruder etwas „abbekommen“ hat, niemals hätte er seinem Bruder ein Haar gekrümmt oder sich mit Grobheiten revanchiert.

Stefan findet seine große Liebe

So werden die beiden Brüder größer und zu jungen Erwachsenen. Während Christian ein Leben in Abhängigkeit führen muss, wird Stefan flügge und geht langsam seine eigenen Wege.

Im Zuge der Ausbildung absolvierte Stefan zahlreiche Praktika, darunter auch eines in einem Tourismusbüro und dort lernte er auch Christina kennen und lieben. Zu dieser Zeit war die Ehe bereits in Brüche und es war nicht schön zuhause, zudem lebte mein Ex-Mann ohnehin mehr bei seiner Mutter und seiner Schwester. Jeder lebte sein Leben für sich und wenn wir zusammen waren, war es nur Kampf. Alles in allem sehr belastend für Kinder. Umso mehr hat es Stefan gut getan, eine Partnerin zu haben und zudem in ihrer Familie sofort herzlich aufgenommen zu werden. Das hat mich beruhigt, denn es tut einer Mutter weh, wenn man sieht, dass man seinen Kindern Leid zufügt.

Eigene Wege gehen

Katharina, Christian und ich zogen in eine eigene Wohnung und wir waren ein eingeschweißtes Team. Stefan kam uns besuchen, hin und wieder alleine, zumeist aber mit Christina. Bei diesen Besuchen habe ich Christina als herzliches Mädchen kennen gelernt. Stefan lebte bei seinem Vater, verbrachte aber die meiste Zeit mit Christina und war bei seiner Freundin auch mehr oder weniger zuhause. Die Situation entspannte sich immer mehr. Wir waren zwar keine Familie mehr, dennoch herrschte nach den Turbulenzen der Trennung ein friedliches Übereinkommen. Soweit war alles gut.

Christian verbrachte die Nachmittage bei seinem Vater und die Abende und die Wochenenden bei mir. Aufgrund seiner komplexen Krankheitsgeschichte lebte er aber schon weitgehend in Isolation – gemessen an normalen Lebensverhältnissen und ich wollte Christian, so gut es geht, schöne Lebensmomente bescheren, war aber immer der Überzeugung, dass Mama und Papa alleine nicht reicht. Mein Sohn sollte auch mit jungen Menschen zusammen sein und auch einmal Abwechslung in seinem eintönigen Lebensalltag haben. Wenn Anlässe wie Weihnachten, Ostern oder Geburtstag gekommen sind und ich von meinem Sohn und Christina gefragt wurde, womit sie Christian eine Freude bereiten könnten, habe ich immer gesagt: „Nichts Materielles, das kann ich alles kaufen. Ich wünsche mir Gutscheine für eine gemeinsame Zeit.“ Rodelnachmittage oder einen Wanderausflug habe ich mir gewünscht. Damit würde er seinem Bruder die größte Freude bereiten. Nachdem Christian schon von seinen jahrelangen und vielen Anfällen und den starken Medikamenten gezeichnet war, war das Zeitbudget ohnehin überschaubar. Länger als zwei bis höchstens drei Stunden an einem Stück konnte Christian nicht mehr draußen sein, dann brauchte er wieder den Rückzug, um sich zu erholen. Gutscheine hat er auch immer bekommen. Christina hat immer alles sehr liebevoll eingepackt und damit auch die Zuneigung zu Christian gezeigt. Allein die Einlösung hat ihrer Dinge geharrt und es ist beim Versprechen geblieben. Die Sommer sind vergangen und die Winter ….. Das hat mich oft traurig gemacht. Ich hätte mir für Christian von seinem Bruder ein bisschen mehr Zuwendung gewünscht, zumal er so auf seinen jüngeren Bruder aufgeschaut hat. Die Einlösung des letzten Versprechens – ein gemeinsamer Urlaub in Kroatien – hat sich erübrigt. Unser Christian konnte es nicht mehr erleben.

Christina und Stefan schließen den Bund der Ehe

Christina und Stefan sind viele Jahre ein Paar und haben auch schon ihr eigenes Zuhause und beschließen zu heiraten. Wir haben es den beiden so gegönnt, waren und sind überzeugt, sie gehören zusammen. Christian hat noch gelebt und ich habe es so nett empfunden, wie Christina bei den Überlegungen, wo die Hochzeitsfeier stattfinden soll, ihren zukünftigen Schwager berücksichtigt. Es sollte eine Location sein, bei der Christian trotz großer Menschenansammlung dabei sein kann. Also es muss etwas mit Balkon sein, von wo er aus sicherer Entfernung das Geschehen überblicken kann. Das hat mich sehr berührt. Das alles durfte Christian nicht mehr erleben. Wer weiß, vielleicht gibt es wirklich „ein Oben“ und Christian hat von dort aus alles beobachten können – wir wissen es nicht.

Der 28. 4. 2018 – es wird ein wunderschönes Hochzeitsfest für die beiden

Liebe Christina, lieber Stefan, dies sind kleine Erinnerungsmomente für euch

Die Band RAT BAT BLUE hat für euch in der Kirche gesungen und auf eurem Hochzeitsfest aufgespielt und für die ausgelassene Stimmung gesorgt. Jetzt hat sie ein paar Lieder für euch auf dieser Seite. Es sind eigene Kompositionen von Manfred und Andrea, die sie zur Verfügung gestellt haben. Die Erinnerungsmomente, die Katharina für euch zusammengestellt hat, sind jetzt in einem kleinen Film festgehalten. Ich hoffe, es freut euch.

 

Die Liebe allein versteht das Geheimnis, andere zu beschenken und dabei selbst reich zu werden.

Clemens Brentano

Auf der Hochzeit habe ich eine kurze Ansprache gehalten. Diese Worte sind von Herzen gekommen und sollen hier noch einmal einen Platz bekommen.

Meine liebe Schwiegertochter, mein lieber Sohn
Liebe Hochzeitsgäste!

Meine Hochzeitsrede als Mutter des Bräutigams beginne ich mit zwei kurzen Sinnsprüchen: „Die Ehe ist ein Paartanz, bei dem zwei Menschen zu einem Gleichschritt finden.“ Ihr habt in den letzten Jahren gezeigt, dass ihr diesen Gleichschritt schon längst gefunden habt. Und so gilt für euch sicher: „Wir gehen gemeinsam den Weg – so weit die Liebe uns trägt.“

Liebe Christina, lieber Stefan,

Ich freue mich sehr, dass ihr euch gefunden habt und den Lebensweg gemeinsam geht. Das sage ich nicht nur, weil ich gerade eine Bräutigam-Rede halte, sondern, weil ich mich von ganzem Herzen über eure Hochzeit und eure Entscheidung, den Lebensweg gemeinsam zu gehen,  freue! Es soll hier kein Platz sein, um euch mit Weisheiten über das Leben zu belehren – viel habt ihr bisher gehört von den Höhen und Tiefen der Ehe, wobei ihr letztere übertauchen und überwinden solltet. Und mit einer „Notfallbox“ für alle möglichen und unmöglichen Widrigkeiten seid ihr ja ohnehin schon bestens ausgestattet. Vielmehr möchte ich euch sagen, dass ich euch bewundere, wie ihr bisher schon gezeigt habt, dunklere Zeiten zu meistern und die hellen zu genießen und zu schätzen und das macht euch zu dem, was ihr seid: Ein zusammengeschweißtes Team, das sich nicht beirren lässt und in einem bedingungslosen Zusammenhalt seine Wege geht. Stärke, Willenskraft und eine Zielorientiertheit zeichnen euch aus. Als stiller Beobachter nehme ich wahr: Ihr seid der Schmid eures Lebens und dabei zwei Handwerker mit Bedacht.

Wer hätte das gedacht: Maurer, lieber Stefan, wolltest du einmal werden und ein paar Jahre später auf hohe See gehen und deine Kochkünste unter Beweis stellen. Aus beidem ist nichts geworden, vielmehr hast du mit Bravour gezeigt, wie es gelingen kann, mit Engagement, Durchhaltevermögen und Zielorientiertheit die Bildungsleiter ganz nach oben zu erklimmen. Und wenn wir zurückblicken auf die Schulzeit in Kindertagen – wer weiß es besser als wir zwei – ist diese Leistung umso höher einzuschätzen. Wir sind stolz auf dich. An Christina, die selber ehrgeizig ihre beruflichen Pläne verwirklicht, hast du eine starke Stütze gehabt – ohne deine Christina wäre es nicht gegangen. Da bewahrheitet sich wieder ein Spruch: Hinter jedem starken Mann steckt eine noch stärkere Frau – wie kann es anders sein.

Nun lieber Stefan, die hohe See ist es nicht geworden – aber der Hafen der Ehe, besiegelt mit einem Ring und liebe Christina, lieber Stefan: Die Liebe ist ein Ring und ein Ring hat kein Ende. Das wünsche ich euch aus ganzem Herzen.