Du bist der Wind in meinen Haaren

Wo immer du auch sein magst, ein Stern am Horizont, auf dem Weg in eine Heimat, auf die zu hoffen es sich lohnt.

Wie deine Welt auch sein mag, voll von Wärme und von Licht. Macht sie der Glaube mir zur Wahrheit. Was endlos ist, das stirbt auch nicht.

Du bist der Wind in meinen Haaren, bist die Sonne auf meiner Haut, bist die Träne, die ich weine, bist mein Lachen, hell und laut.

Manchmal spür ich deine Nähe, manchmal suche ich nach dir. Bist ein Teil von meinem Leben, unverrückbar, tief in mir.

Was immer du jetzt sehn kannst, was immer du jetzt spürst. Welche Sinne dich auch leiten, bei dem Leben das du führst.

Wie sehr du auch entfernt bist, irgendwann stehst du vor mir. Meine Liebe wird dich finden, führt mich auf dem Weg zu dir.

Du bist der Wind in meinen Haaren, bist die Sonne auf meiner Haut, bist die Träne, die ich weine, bist mein Lachen, hell und laut.

Manchmal spür ich deine Nähe, manchmal suche ich nach dir. Bist ein Teil von meinem Leben, unverrückbar, tief in mir

Tränen trocknen, ein Herz zerbricht, dich mein geliebter Sohn vergesse ich nicht.

 

 

Mein lieber Christian,

wie beginne ich die Seite, die dich, deine Mutter betrifft. So viel habe ich schon geschrieben. An so vielen Stellen schon meine Liebe zu dir zum Ausdruck gebracht. Wie ich mich fühle, kann ich wiederum nur mit einer Metapher beschreiben. Es ist so, als wäre ich ein Insekt, dem man nach und nach zuerst seine Flügel ausreißt, dann die Beinchen, ganz langsam und ohne Eile und immer weniger bleibt von mir übrig. Zuerst ist es noch ein großer Schmerz, dann allmählich gewöhnt man sich daran.

Mein lieber Christian, die Erinnerungen an dich begleiten mich jede Sekunde am Tag. Ich sehe dein Gesicht vor meinem inneren Auge, habe deine Stimme im Ohr und rufe mir deine wunderschönen Augen ins Gedächtnis. Und es gibt Tage, da ist es für mich so unwirklich und die Dimension von nie wieder so fassungslos, dass ich nicht einmal traurig sein kann, habe ich doch das Gefühl, du würdest jeden Augenblick wieder zur Tür hereinkommen. Aber dem ist nicht so. Die Wohnung bleibt leer und trist. Ich habe auch wieder begonnen, an meiner Dissertation zu schreiben. Möchte es endlich hinter mir haben, um wieder mehr Zeit mit dir zu verbringen. Ja, das mag sonderbar anmuten, aber ich lebe ohne dich ein Leben mit dir. Möchte in Ruhe alle unsere Wege abgehen, auf den Spuren unseres Daseins wandeln und all die Momente, die wir gemeinsam erlebt haben, spüren. Jetzt tue ich es in Gedanken. Kehre an Orte zurück, an denen wir waren und rufe mir die Situationen zurück. Einmal bin ich in Gedanken auf dem Penning-Berg, einmal am Rheintaler See, ein anderes Mal am Hechtsee und dann wieder fahre ich in Gedanken nach Westendorf zur Aunerrunde. Im Sommer waren wir viel im Salvenaland, im Winter sind wir unzählige Male die Bauernhofrunde gegangen. Lassen wir einmal die zwei Jahre ruhen, die mich so quälen. Wer weiß besser als du, was ich damit meine. Mein Ehrgeiz hat mich das Maß vergessen lassen. Aber kehren wir zurück zu den Anfängen deines Seins.

Es könnte ein Kind nicht mit mehr Liebe erwartet werden als du erwartet worden bist. Natürlich war ich auch bei deinen Geschwistern überglücklich, als ich erfahren habe, dass ich schwanger bin. So erinnere ich mich an den Tag, als ich erfuhr, dass ich mit deiner Schwester schwanger war. Ich ging zum Arzt und habe gesagt: „Herr Doktor, ich bin ganz sicher nicht schwanger, komme nur zur Sicherheit. Ich habe in der Ordination gewartet und in einer Illustrierten geblättert, war ganz darauf eingestellt, dass er sagen wird, der Test ist negativ. Nach einer kurzen Weile kam er herein und sagte: „Frau Graf, Sie sind schon schwanger.“ Ich musste ein ziemlich entgeistertes Gesicht gemacht haben, denn er schaute mich dann an und fragte sofort: „Ist es für Sie in Ordnung?“ Und wie in Ordnung es für mich war. Ich habe die Ordination verlassen und bin mit einem ganz erhebenden Gefühl die Bahnhofstraße entlang gegangen. Die Welt gehörte mir. Ich erwartete mein drittes Kind, deine Schwester Katharina.

Christian – der Charakterstarke

Aber das erste Kind ist etwas ganz Besonderes. Bist ein kleiner gebürtiger Kitzbühler geworden. Ich war schon unsicher beim ersten Kind, ob ich wohl alles richtig mache und als du mit zehn Monaten krank geworden bist, habe ich mich auch jahrelang gefragt, was ich wohl falsch gemacht haben konnte. Immer habe ich mich und mein Handeln in Frage gestellt und mir überlegt,  woran es gelegen haben könnte, dass du so schwer krank geworden bist. Bin ich mit dir zu oft ins Schwimmbad gefahren? Habe ich dich zu wenig geschützt? Hast du dir vielleicht den Virus im öffentlichen Bad eingehandelt? Wäre ich mit dir nicht dorthin gegangen, wärst du vielleicht gesund geblieben. Ich bin damals so gerne ins Schwimmbad gegangen und braun werden und toll aussehen, war damals ganz wichtig für mich, ich war ja auch noch jung. Aber so viele Menschen gehen mit ihren Kindern ins Schwimmbad und sie werden auch nicht krank. In jedem Fall war es nie und nimmer die Frage, warum gerade wir, sondern ich habe die Situation nach dem ersten Schreck so angenommen wie sie ist und wollte alles für dich tun, damit du wieder gesund wirst. Das war natürlich aussichtslos. Dein Lebensweg war schon vorgezeichnet. Wie traurig war ich als ich andere Mütter mit ihren Kindern gesehen habe, die sich prächtig entwickelt haben und ich gesehen habe, dass du in deiner Entwicklung immer weiter zurückfällst. Es hat dich so schlimm erwischt und du hast so viel mitgemacht, das lässt sich alles gar nicht zu Blatt bringen. Und trotzdem oder gerade deswegen: Etwas hat dich von Anfang an ausgezeichnet: Dein Wille zu leben. Oh Gott, Christianl, wie sehne ich mich nach dir. Ich stelle so viele Bilder auf deine Website, aber die schönsten habe ich im Kopf. Die gehören nur uns beiden. Wenn ich zurückdenke, dann hat es Phasen gegeben, in denen ich wirklich von mir sagen kann, dass ich alles gemacht habe, was möglich war. Dann gibt es wieder Phasen, an die ich nicht so gerne zurückdenke. Vor allem an die Zeit, in der ich mich auch viel mit meinen Fortbildungen beschäftigt habe, wiewohl ich mir das verzeihe. Denn es war für mich auch eine Form des Überlebens und im weiten Sinne dann auch für euch Kinder. Das Zusammensein mit deinem Vater in seinem despotisch patriarchalischen Wesenszug war sehr schwierig und das ist noch milde ausgedrückt. Er hat meine Abhängigkeit schon schamlos ausgenutzt. Ich schreibe das nicht, um deinen Vater schlecht zu reden. Das würdest du mir sehr verübeln, du bist so an deinem Vater gehangen und hast es gar nicht gern gehört, wenn über ihn schlecht geredet wurde. Ich habe mich mit meiner Vergangenheit vollkommen ausgesöhnt. Aber ich möchte kein rosarotes Bild von deinem Leben zeichnen, als wäre es nur geprägt von Liebe und Zuneigung zu dir. Du musstest so viel miterleben und aushalten. Ich bin auch davon überzeugt, dass es gerade die Schwierigkeiten sind, die dir deine Eltern bereitet haben, die dich dann in der Folge zu so einem charakterstarken Mann gemacht haben.  Und während ich in den ersten Jahren deines Lebens so traurig war, weil du mit so einer schweren Krankheit leben musstest, war es in deinem Erwachsenensein der Stolz, den ich auf dich hatte. Ich hatte so große Achtung vor dir, wie du dein Schicksal meisterst.

Christian – der Belesene

Du warst so ein kluger junger Mann. Wiederum mag das sonderbar anmuten, ein Mensch mit geistiger Behinderung kann doch nicht klug sein. Ich habe immer gesagt, wenn Christian nicht krank geworden wäre, hätte er schon lange den Doktor gemacht, was deinen Bruder Stefan sehr beleidigt hat. Er hat sich dadurch zurückgesetzt gefühlt. „Bin ich etwa nicht so gescheit wie Christian“, stellte er sich die Frage. Das wollte ich damit gewiss nicht zum Ausdruck bringen, war und bin ich doch auf alle meine drei Kinder so stolz. Aber du hast trotz deines Lebensrucksackes so viel geschafft. Und wer dich gekannt hat, weiß, ein Christian ohne Buch in der Hand – unvorstellbar. Überall, wo du warst, hattest du deine eigene Bibliothek. Mit welcher Freude bin ich immer in die Bücherei, um dir die neuesten Wimmelbücher zu kaufen. Manche hattest du schon x-male bekommen, weil sie mit der Zeit so abgegriffen waren. Vom Wald-Wimmel-Buch bis zum Österreich-Wimmel-Buch, nichts hat in deiner persönlichen Bücherei gefehlt. Aber manche haben zu deinen Favoriten gezählt und die mussten parat sein. Du hast genau gewusst, wenn sie fehlten und so lange danach gesucht, bis du sie gefunden hast. Und da kommt mir auch wieder eine Begebenheit in den Sinn, die meine Einstellung bestätigt. Wir sind ja in regelmäßigen Abständen zu deinem Arzt nach Salzburg gefahren. Davor mussten wir immer zur Blutabnahme, um die Werte kontrollieren zu lassen. Einmal hat sich das gerade mit einer Gesundenuntersuchung getroffen und der Internist hat einen Befund ausgestellt. Die Diagnose lautete unter anderem: „Geistige Retardiertheit“. Mich hat das sehr gestört, denn du warst in keinem Falle geistig minderbemittelt. Als ich deinem behandelten Neurologen den Befund gezeigt habe, war er gleichermaßen entrüstet wie ich und er hat es als Bequemlichkeit gewertet , nicht die Diagnose zu schreiben, die auf dich zutrifft, nämlich: Symptomatisch sekundär generalisierte Epilepsie im Sinne eines Lennox-Gastaut-Syndroms mit komplex fokalen Grand-Mal-Anfällen, atypische Absencen und tonischen Anfällen, ätiologisch nach Herpes-Encephalitis im 10. Lebensmonat mit schwerpunktmäßiger linkshemisphärischer Schädigung.

Christian – der Erwachsene

Ja, mein lieber Christian, als du ein Kind gewesen bist, haben dir viele Dinge eine Freude bereitet. Neben dem Lesen hast du so gerne geschaukelt, im Sandkasten gespielt und Musikinstrumente, wie eine Trommel oder anderes haben dich auch fasziniert. Mir war es auch ganz wichtig, dir hochwertige Holzspielzeuge zu kaufen. Heute noch stehen sie im Zimmer und wenn ich an deinem Zimmer vorbeigehe, kommt mir unsere gemeinsame Zeit in Erinnerung als wir die Steckspiele gespielt haben und am Abend Katharina gezeigt haben, wie kreativ du wieder die einzelnen Teile übereinander geordnet hast. Aber du hast dich entwickelt und mit den Jahren ist dir das Schaukeln und Sandspielen zu kindisch geworden. Das hat mir gut gefallen. Allerdings war es schwierig, Ersatz für diese Tätigkeiten zu finden. Wir sind natürlich viel, viel spazieren gegangen, im Winter rodeln und hin und wieder Skifahren (viel zu selten, leider), im Sommer schwimmen, dein Vater war mit dir Radfahren und dennoch haben noch geeignete Freizeitaktivitäten gefehlt. Ich musste oft über mich selber lachen, wenn ich gesagt habe: „Schau, Christian, Vogele“, das hat dich überhaupt nicht interessiert. Wenn aber ein Motorrad an dir vorbeigesaust ist, hast du interessiert aufgeblickt. So habe ich zu deinem 30.Geburtstag beschlossen, dir ein Quad zu kaufen. Die Idee ist von deinem Vater gekommen, die Umsetzung von mir. Und ganz entgegen meinem Naturell habe ich es auch geschafft, nicht jahrelang darüber nachzudenken, bis ich es realisiere, sondern sofort. Wie froh ich heute darüber bin. Wenn es auch nur eine Saison war, in der du diese Freude erleben konntest. Aber du konntest es erleben. Ich brauche mich auf dieser Seite nicht zu wiederholen, wie sehr ich bereue, dass ich für all die anderen Vorhaben zu lange gezögert habe: Deinen Hund, dein neues Fahrrad. „Wenn ich fertig bin, dann packe ich alles an“, habe ich mir immer wieder gedacht. Jetzt gibt es mir einen Stich ins Herz, wenn ich Menschen mit ihrem Hund spazieren gehen sehe. Wie sehr hätte dir eine Fellnase gut getan, vielleicht hätte dir ein Hund das Leben gerettet. Allein die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, nichts lässt sich ungeschehen machen und ich muss mit diesem bitteren Gefühl der versäumten Möglichkeiten leben. Nichts kann dich wieder zurückholen. Ich muss mich mit den Erinnerungen zufrieden geben, aber manchmal 

 . . . sind Erinnerungen wie ein Regenguss, kommen auf dich herab, erwischen dich ganz unvermutet.

. . . sind Erinnerungen wie Gewitter, schlagen auf dich ein, gnadenlos in ihrem Auftauchen, und dann, wenn sie aufhören, lassen sie dich ermüdet und geschafft zurück.

. . . sind Erinnerungen wie Schatten, schleichen sich heimlich von hinten an, verfolgen dich rundherum, dann verschwinden sie, lassen dich traurig und verwirrt zurück.

 

 ,

Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen sich tiefer ins Herz hinein, und während die Tage verstreichen, werden sie Stein. Du lachst und sprichst, als wenn nichts wäre, sie scheinen geronnen zu Schaum,
doch Du spürst ihre lastende Schwere bis in den Traum.

Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle, die Welt wird ein Blumenmeer,
aber in Deinem Herzen ist eine Stelle, die blüht nicht mehr.