Meine liebe Mama,

auch für dich soll Christians Website ein Ort der Erinnerung an dich sein. Du warst für deinen geliebten „Lilly“ so ein wichtiger Mensch – die beste Oma, die man sich nur vorstellen kann. Während ich diese Zeilen schreibe, kommt mir urplötzlich wieder in Erinnerung, wie lange wir unseren Christian „Lilly“ genannt haben. Es war für sehr lange Zeit sein Spitzname.

Meine liebe Mama, dein Leben ist nicht zu beschreiben, es sucht an Härte seinesgleichen. Du musstest so viel aushalten und durchstehen und an Zurücksetzungen und Demütigungen hinnehmen, bis dich allzu früh die Kraft verließ und du aus dem Leben geschieden bist. Ich erinnere mich noch so genau an den Abend vor deinem Ableben. Ich war in der Abendschule, hatte in meiner weißen Hose einige Münzen, um dich anzurufen und dir zu sagen, dass du Weihnachten bei uns verbringen kannst (meine erste Einladung zu einem Weihnachtsfest). Ich wollte dir auch eine Freude machen und dich zu einer kleinen Weihnachtsfeier der Pfarrgemeinde mitnehmen. Ich war damals Pfarrbriefausträgerin und alle, die sich für die Pfarre während des Jahres in irgendeiner Weise verdient gemacht haben, wurden zu einer Weihnachtsbesinnung eingeladen. Das sollte eine kleine Möglichkeit sein, dich aus deiner Isolation rauszuholen. Aber wie so oft in meinem Leben, habe ich mir gedacht: „später, morgen …“  und bin schlussendlich an dem Telefonapparat in der Schule vorbei gegangen. 

Am nächsten Tag – es war ein Donnerstag – ich saß gerade über meine Französisch-Aufgaben – wollte ich dich anrufen, als mich urplötzlich ein unheimliches Gefühl beschlichen hat. Ich griff hastig zum Hörer und hörte nur den Klingelton. Ich hatte schon eine schreckliche Vorahnung und rief den Nachbarn an, ob er nachschauen könnte. Ich denke mir, in dieser Zeit des Wartens habe ich schon gewusst, dass etwas Schreckliches passiert ist. Nach für mich einer gefühlt unendlichen Zeit versuchte ich nochmals bei dir anzurufen und es wurde abgehoben, aber nicht du warst dran, sondern eine fremde Stimme, die mir sagte: „Sie hat es hinter sich.“

Das ist jetzt über 20 Jahre her und es ist mir als wäre es gerade gestern gewesen. Viele Jahre habe ich die „Vergangenheit“ vergessen. Seit unserer Christian nicht mehr ist, lebe ich oft mehr im „Früher“ als im Jetzt. So kann ich den Schmerz besser aushalten. 

Ich glaube nicht, dass du dir vorstellen konntest, welch Trauer du bei deinen Töchtern hinterlassen hast. Bei mir und bei Irene. Wir mussten lange kämpfen, um zu akzeptieren und zu verstehen, was passiert ist. Ich bin mir auch sicher, dass du mit einem Groll gegen uns Kinder aus dieser Welt geschieden bist. Du hast keine Zeilen für uns hinterlassen, nur deinen Pass auf den Küchentisch gelegt. Ich habe diese Botschaft verstanden. Viele Jahre habe ich mit dem Gedanken gekämpft zu wenig für dich getan zu haben, für einen Menschen, der alles für seine Kinder gegeben hat. Aber ich war so damit beschäftigt mein Leben zu bewältigen, dass du zu wenig Platz erhalten hast. Und deine Krankheit bedeutete auch einen Teufelskreis. Immer mehr Menschen haben sich zurückgezogen und desto mehr Menschen sich zurückgezogen haben, desto mehr hat sich deine Krankheit verschärft.

Aber nun zu unserem Christianl. Für ihn war es am härtesten, keine geliebte Oma mehr zu haben. Christian hatte eine perfekte innere Uhr. Jeden Samstag stand er schon um 10.00 Uhr am Fenster und hat gewartet bis du kommst. Er hat sich immer so gefreut und dieser Blick begleitet mich ein Leben lang: Wenn du mit deinem Auto gekommen und in den Parkplatz eingebogen bist, hat Christian vor Freude mit den Füßen in den Boden gestampft, „gegurrt“ und seine Hände gerieben. Ich habe dir die Tür geöffnet, manchmal auch mit Freude, manchmal mit gemischten Gefühlen. Manches Mal war ich froh, manches Mal warst du mir lästig. Du hast das natürlich gespürt und so kamst du immer die Treppe hoch, hast kurz inne gehalten und entschuldigend gesagt: „Da bin ich schon wieder.“ Mir kommen urplötzlich die Tränen. So lange liegt alles zurück und so gegenwärtig ist es mir. Nie bist du gekommen ohne einen Sack voller Geschenke für die Kinder. Du hast nicht viel gehabt, aber das, was du hattest, hast du deinen Enkelkindern geschenkt. Es war für dich die größte Freude, sie zu überraschen und ihnen mit Spielsachen, schönem Gewand, Süßigkeiten und vielem mehr eine Freude zu bereiten. Christian hat es dir gedankt mit seiner übergroßen Liebe zu dir. Wir nicht wirklich.

Auch an jenem Samstag stand Christian vor dem Fenster und hat gewartet bis du kommst und er wurde immer unruhiger, desto mehr die Zeit verstrich. Wir waren viel zu sehr mit uns beschäftigt, um uns zu überlegen, in welcher Form wir es unserem Christian beibringen können, dass keine Oma mehr kommen wird. Im Laufe des Tages hat er geweint und wurde naturgemäß sehr unruhig. Am Abend wurde es dann so schlimm, dass wir uns nicht mehr zu helfen wussten. Ich packte meinen Christian ins Auto und bin mit ihm ziellos in der Gegend herum gefahren, um ihn ein bisschen zu beruhigen, aber ob ich mit ihm geredet habe, um es ihm zu sagen, weiß ich nicht. Ich glaube, dass mir damals noch das Verständnis dafür gefehlt hat. Erst viel später habe ich Christian als Persönlichkeit wahrgenommen, der auch ohne Worte versteht.

Katharina, deine Enkeltochter, erinnert sich gerne an dich zurück. Sie war noch ein sehr kleines Mädchen und durfte mit ihrem Bruder Stefan so manches Wochenende bei dir verbringen und du hast mit den Kindern immer so viel unternommen: Zirkus gehen, Kino gehen, Veranstaltungen besuchen – immer war etwas auf dem Programm und nie sind sie nach Hause gekommen ohne einen Pack voller Geschenke. Deine Enkelkinder waren dein ganzer Lebensinhalt. 

Heute ist Katharina eine junge Frau, die mir so viel Halt gibt und mir mit so viel Verantwortungs- und Einfühlungsvermögen begegnet. Du wärst so stolz auf sie.

Wenn es den Himmel gibt, wo wir unsere Lieben wähnen, schaut auf sie herunter und beschützt sie. 

Meine liebe Mama, ich denke an dich zurück und ich danke für alles, was ich während deines Lebens zu wenig wertgeschätzt habe, von ganzem Herzen. Du bist nicht vergessen. Und vielleicht stimmt es, was ich geträumt habe kurz nach dem Tod von Christian. Du hast ihn erwartet und er war überglücklich. Wie gerne denke ich an diesen Traum zurück und vielleicht ist es nicht nur ein Traum, sondern Wirklichkeit.

Deine Tochter Gabriele, die das Leben gelehrt hat, dass der Spruch „Jeder ist sich seines Glücks eigener Schmid“ nur bedingt zutrifft. Das war immer eines meiner Lebensmottos – ein sehr arrogantes, wie ich heute weiß.

Was in mir Seele war bleibt bei Euch,
es wird immer mit Euch sein.
Du wirst es zwischen den Blumen finden,
wenn sie verwelken;
Du wirst es hören,
wenn die Glocken abends verklingen,
und immer wenn Du Dich
meiner erinnern wirst,
werde ich vor Dir stehen.