Trauer kann mann nicht sehen, nicht hören, kann sie nur fühlen. Sie ist ein Nebel ohne Umrisse. 

Man möchte diesen Neben packen und fortschieben, aber die Hand fasst ins Leere.

Kann man den Tod vorausahnen?

Unser Christian hat nach der Trennung seiner Eltern die Nachmittage bei seinem Vater, die Abende und Wochenenden bei seiner Mutter und Schwester verbracht. Sein Vater ist in den Ruhestand gegangen und konnte sich um Christian gut kümmern. Ich war – und bin es immer noch – berufstätig. Eine Regelung, die besser nicht hätte sein können. Trotz der Trennung konnte sich Christian darauf verlassen, dass seine beiden Elternteile für ihn da sind. Diese Konstanz und Verlässlichkeit waren für ihn ganz wichtig. Er brauchte einen gut strukturierten Tagesablauf, einen Rahmen, innerhalb dessen er sich orientieren konnte. Sein Vater als auch ich und vor allem seine Schwester waren bemüht, ihm sein Leben so gut wie möglich zu gestalten. Zwei Jahre vor seinem Tod habe ich noch neben meiner Berufstätigkeit ein großes Projekt begonnen – eine Dissertation. Und so war ich umso froher, wenn ich wusste, dass ihn sein Vater holt und mit ihm etwas unternimmt. Meine Gedanken haben sich um die Realisierung meiner Arbeit gedreht und Christian musste dafür zurückstecken.

Was würde ich geben, könnte ich die Zeit zurückdrehen. Wenn ich die Macht hätte, die Uhr zurückzudrehen, würde ich nicht meine Jugend zurückwünschen, nicht meine Kindheit neu gestalten, nicht an den Anfang der Zeit zurückkehren, um die Welt zu entdecken, nicht an das Ende der Welt gehen, um die Zukunft zu kennen. Ich würde an den Tag zurückkehren, da ich Dich zum ersten Mal in den Armen hielt, nur um von da an jede Sekunde noch einmal mit DIR zu erleben, immer und immer wieder.

Die Lebensuhr tickt

Deine letzten Weihnachtsferien waren ganz besondere. Zu Heiligabend war ich zwar krank und das Fest ist schlichtweg ausgefallen. Christian musste ganz allein im Zimmer sitzen. Ich konnte nicht einmal etwas kochen, so schlecht beisammen war ich an diesem Tag. Aber in den folgenden Tagen habe ich die Zeit mit ihm so intensiv genossen. Es war so eine Stille um uns, eine Aura, die nicht zu beschreiben ist. Von seiner Schwester hat er einen ganz tollen Radio bekommen und es war das erste Mal, dass man ihm beim Geschenkauspacken ansehen konnte, dass er neugierig war, was wohl drinnen ist. Und er hat sich riesig gefreut. Musik hat er gerne gemocht. Zu Silvester war Christian immer bei seinem Vater. Dieses Mal wollte ich es eigentlich gar nicht und habe angeboten, dass er bei mir bleiben kann.

Aber sein Vater war ganz darauf eingestellt, dass er die Jahreswende bei ihm verbringt. So habe ich den ganzen Abend an meiner Arbeit geschrieben und kurz vor zwölf eine kleine Sektflasche geöffnet und mir selber zugeprostet. Es war so eine Freude in mir. Bald habe ich es geschafft und ich kann mich wieder ganz meinem Christian widmen. Nach den Ferien haben der Alltag und damit auch der Stress für uns alle begonnen. Berufstätigkeit, Dissertation schreiben, für Christian da sein. Wie oft hatte ich schlechtes Gewissen, wenn ich wieder einmal über meine Arbeit gebrütet habe und er in seinem Zimmer gesessen hat. Ich habe einmal in einem E-Mail an meine Freundin geschrieben. „Ich empfinde, als wäre ich im „Bermuda-Dreieck.“ Aber immer im Gedanken: Bald ist es vorbei.  

Was würde ich geben, könnte ich dich wiederhaben, dich in die Arme nehmen, dir über den Kopf streicheln und dir in deine gütigen Augen sehen.

Im Winter ist es ihm normalerweise immer sehr schlecht gegangen. Die Dunkelheit der Jahreszeit hat auf sein Gemüt gedrückt und der Tiefdruck seine schwere, nicht in den Griff zu bekommende, Epilepsie befördert. Aber dieser Winter schien ihn weitgehend zu verschonen. Ich war so stolz. Vielleicht arbeitet die Zeit für uns und die Epilepsie wird weniger. Christian war auffallend ruhig. Bei den geliebten Spaziergängen in der Natur wollte er lieber an der Hand gehalten werden als – so wie gewohnt – vor mir herzulaufen. Sein Vater und ich hatten vermehrt Differenzen. Zu unterschiedlich waren unsere Vorstellungen, was gut für Christian sei. Ich wollte, dass Christian am Vormittag regelmäßig in die Werkstätte geht, um auch mit anderen Menschen zusammenzusein, sein Vater wollte ihn aus der Betreuung rausnehmen, weil er damit immer weniger zufrieden war – zu Recht. Ihn aber mit 31 Jahren nur bei Papa und Mama zu lassen, wollte ich aber auch nicht. Die Wochen vergingen und die heimtückische Krankheit ist mit voller Wucht zurückgekehrt. Ende Januar hatte er wieder viele und sehr schwere Anfälle und wir haben gemerkt, dass er sie nicht mehr so leicht zurücksteckt. Immer länger brauchte er, um sich von den Attacken zu erholen. Sein Gesicht war stets blass und hat mitgenommen ausgesehen. Die Semesterferien nahten und sein Vater hat den Vorschlag gemacht, dass Christian auch Ferien machen sollte. Ich sollte am Vormittag für ihn da sein und am Nachmittag – wie üblich – sollte unser Sohn bei ihm verbringen. Ich habe es abgelehnt. Warum weiß ich heute nicht mehr.

Heute stehe ich da und ich sehne mir ein Loch ins Herz, ich sehne mich nach dir, ich sehne dich so sehr herbei, ich sehne dich zu mir. Ich sehne nach dem Gestern mich, sehn mich nach deiner Art, an deinen Platz ersehn ich dich, ein Sehnen heiß und zart. Ich sehne uns im Sommerlicht, ich sehne uns bei Nacht, in Schnee und Regen sehn ich dich, sehn dich in meinen Tag. Ich leide Sehnsucht, leide wild, ich sehne unter Schmerz, ich sehn herbei dein lichtes Bild, ins Sehnsuchtsloch im Herz. Ich sehn mir ein Loch ins Herz, das Sehnen hört nicht auf, ich lenk mein Sehnen himmelwärts und weiß, du sehnst dich auch.

Die Lebensuhr tickt

Die folgende Zeit war eine nicht zu beschreibende. Ich hatte ein diffuses Gefühl, etwas Bedrohliches kommt auf uns zu und eine unangenehme innere Unruhe. An den vielen Abenden, an denen ich mit meiner Tochter zusammengesessen bin, haben wir vermehrt über einen möglichen Tod von Christian gesprochen. Wie selbstverständlich war für uns, Christian wird an seiner Epilepsie sterben. Wer wird ihn finden? Heute könnte ich schreien. Warum haben wir so viel darüber gesprochen und warum ist uns nie eingefallen, was wir dagegen tun könnten? Zu abwegig war trotz Vorahnung die Vorstellung. Unser Christian, der Kämpfer, der Lebensbejahende, hält an seinem Leben fest. An einem Nachmittag wieder über meine Arbeit gebeugt, kam mir unvermittelt der Gedanke: “Was ist, wenn Christian nicht mehr ist? Kann ich mir die Frage beantworten, alles für ihn getan zu haben?” Und die innere Stimme antwortete postwendend: “Viele Jahre schon, aber die letzten zwei?” Ich habe den Gedanken gleich beiseite geschoben und mir zugesprochen. “Keine Sorge. Wir haben noch viele Jahre. Wir können noch viel erleben, die versäumte Zeit nachholen.” Und so plante ich auch den nächsten Sommerurlaub mit viel, viel Freude. Dieses Mal sollte Christian nicht nur mit mir alleine an sein geliebtes Meer fahren, sondern von seinen Geschwistern begleitet werden. Es war mir so wichtig, Wege zu finden, ihn aus seiner Isolation rauszuholen, ihm junge Menschen zu ermöglichen. Nicht nach Italien sollte es in diesem Jahr gehen, sondern nach Kroatien. Eine wunderschöne Unterkunft sollten wir haben. Gemeinsam mit Christina, meiner zukünftigen Schwiegertochter, bin ich auf die Suche gegangen und wir haben etwas Wunderschönes gefunden. Ich habe mich so sehr darauf gefreut. Auch in Bezug Betreuungsverbesserung kam Bewegung in die Sache. Ich bin bei der Sozialbetreuerin vorstellig geworden und habe ihr geschildert, dass es so nicht weitergehen kann. Christian würde zumindest stundenweise eine Einzelbetreuung brauchen – eigentlich bei so einer schwerwiegenden Erkrankung eine Selbstverständlichkeit. Er sollte nicht nur den Vormittag absitzen, sondern entsprechend seinen Begabungen gezielt gefördert und gefordert werden. Das ist immer weniger passiert. Und so war für den 13. 03. 2017 ein Gespräch mit der Leitung der Werkstätte und uns Eltern geplant. Und für mich stand fest, entweder eine gezielte Verbesserung – nicht nur Lippenbekenntnisse – oder wir gehen wirklich wieder neue Wege.

Doch es sollte ein ganz anderer Weg werden, ein Weg in die Anderwelt.

 Es gibt einen See in der Anderwelt, darin sind alle Tränen vereint, die irgendjemand hätt´ weinen sollen und hat sie nicht geweint. Es gibt ein Tal in der Anderwelt, das geh´n die Gelächter um, die irgendjemand hätt´ lachen sollen und hat sie nicht gelacht. Es gibt ein Haus in der Anderwelt, da wohnen wie Kinder beinand´ Gedanken, die wir hätten denken sollen und waren´s nicht imstand. Und Blumen blühen in der Anderwelt, die sind aus Liebe gemacht, die wir uns hätten geben sollen und haben´s nicht vollbracht. Und kommen wir einst in die Anderwelt, viel Dunkles wird sonnenklar, denn alles wartet dort auf uns, was hier nicht möglich war.

Die Lebensuhr tickt

Es war Sonntag. Christian hatte so einen schweren Anfall, dass er den ganzen Tag im Bett verbringen musste. Er lag still und wie immer anspruchslos in seinem Zimmer. Ich saß wieder an meiner Arbeit und schrieb und schrieb und schrieb. Im Hinterkopf. Es muss sich etwas ändern. Doch Arztwechsel? Oder wie in all den Jahren darauf vertrauen: Auf die schlechten Zeiten folgen wieder die guten. Darauf hatte ich fälscherlicherweise gesetzt. Wir haben so viele Jahre Höhen und Tiefen überlebt und diese überstanden – besser ausgedrückt, Christian hat sie überstanden. Auch dieses Mal wird wieder der Frühling und der Aufschwung kommen. Es ist zwölf. Ich möchte ihm etwas zum Essen kochen und sehe in sein Zimmer. Er hat geschlafen und sein Gesicht war schweißperlend überströmt. So etwas habe ich noch nie gesehen. Ich habe mit einem feuchten Tuch sein Gesicht abgetupft, war traurig und niedergeschlagen.

 Die Lebensuhr tickt

Eine weitere Veränderung stand an. Katharina, die geliebte Schwester, hatte endlich ihre eigene Wohnung gefunden und war voller Vorfreude. Wir haben auch darüber gesprochen, wie Christian seine Schwester besuchen geht und auch einmal bei ihr schlafen kann. Und, wenn sie eine eigene Wohnung hat, wird vielleicht auch der größte Wunsch in Erfüllung gehen, den ich seit Jahren hegte. Ein Hund für ihn – ein Freund, ein Beschützer. Wie oft habe ich es geplant und geträumt und mir ausgedacht, wie wir gemeinsam unsere Spaziergänge machen, Christian und ich und sein Freund, immer im Hinterkopf: “Plane nicht zu lange, realisiere es, sonst wird es womöglich einmal zu spät sein.“

Die letzten Lebenstage brechen an

Meine innere Unruhe zerriss mich schier. Ich schob es auf die Überbelastung. Stefan und Christina haben sich auf Donnerstag, den 09. 03. 2017 angekündigt. Es sollte eine Vorgeburtstagsfeier für meine zukünftige Schwiegertochter werden. Aber ich habe dann verschoben auf den Freitag, weil ich keine Zeit hatte. Christian ist am Donnerstag wie gewohnt von seinem Vater nach Hause gekommen und gleich in sein Zimmer gegangen, aber sehr oft wieder herausgekommen, wie so oft, wenn Vollmond war. Ich habe ihn immer wieder geduldig in sein Bett gelegt. Das letzte Mal, als er mich geholt hat, habe ich ihn aber ganz gegen meine Gewohnheit streng in sein Zimmer verwiesen mit den Worten: “Du bist ein erwachsener Mann und kannst ruhig im Bett bleiben und dich selbst zudecken. Brauchst nicht immer eine Mama dazu.” Sein Blick wird mir nie mehr aus dem Sinn gehen.

 Wenn ich gewusst hätte, dass es das letzte Mal ist, dass ich dich einschlafen sehe, hätte ich dich besser zugedeckt, und zu Gott gebetet, er möge deine Seele schützen, … dass es das letzte Mal ist, dass ich dich zur Tür rausgehen sehe, hätte ich dich umarmt und geküsst und dich für einen Kuss zurückgerufen, … dass es das letzte Mal ist, dass ich deine Stimme höre, hätte ich jede Geste, jedes Wort auf Video aufgezeichnet, damit ich sie Tag für Tag wieder hören und sehen könnte, … dass es das letzte Mal ist, dass ich einen Moment innehalten kann, um zu sagen „Ich liebe dich“, anstatt davon zu gehen, weil du weißt, dass ich dich liebe, wäre ich stehen geblieben, hätte dir in deine schönen, tiefgründigen Augen gesehen und dich spüren lassen, wie wichtig du für mich bist, … dass es das letzte Mal ist, dass ich da sein kann, um den Tag mit dir zu teilen, wäre ich geblieben, anstatt sicher zu sein, dass es noch manchen Tag geben wird, sodass ich diesen verstreichen lassen kann. Es gibt sicherlich immer ein „Morgen“, um ein Versehen oder einen Irrtum zu begehen. Und ich erhalte sicher eine zweite Chance, um einfach alles in Ordnung zu bringen. Es wird sicher einen anderen Tag geben, um zu sagen: „Ich liebe dich“. Und es gibt sicher eine weitere Chance, um dir zu zeigen: „Kann ich etwas für dich tun?“ Aber nur für den Fall, dass ich falsch liegen sollte und es bleibt nur der heutige Tag, möchte ich dir sagen, wie sehr ich dich liebe und hoffe, dass wir nie vergessen: Das „Morgen“ ist niemandem versprochen, weder Jung noch Alt. Und heute könnte deine letzte Chance sein, deine Lieben festzuhalten. Falls das „Morgen“ nicht mehr kommt, wirst du bestimmt bereuen, dass du dir keine Zeit genommen hast, für ein Lächeln, eine Umarmung, einen Kuss und du zu beschäftigt warst, um jemandem etwas zuzugestehen, was sich im Nachhinein als sein letzter Wunsch herausstellt.

Ich habe keine zweite Chance erhalten, mir bleibt nur mehr die große Reue. 

Am späteren Abend ist noch seine Schwester gekommen und ist – wie immer – in sein Zimmer gegangen, um nach dem Rechten zu sehen. Christian war verschwitzt und sie hat ihn umgezogen, was er normalerweise nur von mir wollte, und er hat so lieb „Gute Nacht“ zu ihr gesagt. Am nächsten Morgen ist seine Betreuerin gekommen, um mit ihm zu frühstücken, damit ich rechtzeitig in die Arbeit komme. An diesen Morgen kann ich mich nur ganz schlecht erinnern. Ich hatte es eilig, weil ich verschlafen hatte. Das Frühstück habe ich ihm wie gewohnt nett hergerichtet, Magenschontee für die Werkstätte vorbereitet. Aber habe ich mich von ihm nett verabschiedet, so wie ich es immer gemacht habe, ihm einen guten Tag gewünscht und ihm gesagt, dass ich mich freue, wenn ich ihn am Abend wiedersehe? Ich weiß es wirklich nicht mehr.

Der Freitag war der Papa-Tag. An diesem Tag durfte er immer bei seinem Vater schlafen, bei dem er sich so wohl gefühlt hat. Ich erledigte am Nachmittag noch die letzten Einkäufe für meinen angekündigten Besuch, war hektisch und fahrig und sehnte mich nach meinem Christian. Ganz im Hinterkopf wollte ich lieber zu meinem Ex-Mann fahren, um mit ihm noch Wesentliches für das bevorstehende Gespräch am Montag zu besprechen und auch noch Christian sehen. Das schlechte Gewissen nagte an mir, dass ich ihn am Donnerstag vor dem Einschlafen nicht mehr über den Kopf gestreichelt habe. Aber ich wollte auch meinem Sohn Stefan und Christina nicht wieder absagen. Und es wurde dann auch ein richtig netter Abend und ich habe in diesen Stunden auch meine innere Unruhe überwunden. Wir haben Pläne geschmiedet für Kroatien und eine feine Zeit gehabt. Als die beiden gegangen sind, hat mich wieder dieses eigenartige Gefühl beschlichen – ein Gemisch aus Traurigkeit und Sehnsucht nach Christian. Um 22.00 Uhr bin ich dann schlafen gegangen.

Ich habe meinen Sohn nie wieder lebend gesehen. Am nächsten Morgen läutete mich das Telefon aus dem Schlaf. Es hat so laut und bedrohlich geläutet, dass ich nicht abheben musste, um zu wissen, was ich gleich hören sollte: „Unser Christianl ist gestorben“.

 

Ich würde Jahrtausende lang die Sterne durchwandern, in alle Formen mich kleiden, in alle Sprachen des Lebens, um dir einmal wieder zu begegnen.

 

Warum hast du mir nicht geholfen, besser auf meinen Christian aufzupassen? Deine Unterstützung hätte ich gebraucht.